Brief an die Männer – Eva – Maria Zurhorst 2008

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FOCUS hat vor allem männliche Leser. Das nutzt die Bestsellerautorin Eva – Maria Zurhorst für eine direkte Ansprache

22.03.2008

Liebe Männer,

an so prominenter Stelle ein offener Brief an Sie alle? Sicher etwas, worum mich viele Frauen beneiden. Endlich sagen, wie es um uns steht. Um uns Frauen. Um die, mit denen Sie verheiratet sind. Unter deren Führung Sie vielleicht arbeiten. Mit denen Sie schlafen. Deren Hintern Sie sehnsüchtig auf der Straße nachschauen. Deren emotionale Kreuzverhöre Sie nicht mehr ertragen können. Mit denen Sie ausgedörrt Abend für Abend vor dem Fernseher schweigen. Mit deren bester Freundin Sie seit einiger Zeit heimlich eine kaum zu beschreibende Wiedergeburt Ihrer Lust und Leidenschaft auf dem Rücksitz Ihres Mittelklassewagens erleben.

Ja, stimmt. Um uns Frauen kommt Mann einfach nicht herum. Wir sind allgegenwärtig. Und in Zeiten der Postemanzipation sind wir auch noch omnipotent. Wir sind eure Bundeskanzlerin. Wir lassen uns von euch dafür bezahlen, dass wir eure Domina sind. Wir sind die wachsenden Heerscharen allein erziehender Mütter, die jenseits eures Einflusses eure Kinder prägen und sie glauben machen, die Welt bestünde aus Omas, Kindergärtnerinnen, Tagesmüttern und Mama-Robotern, die alles allein können. Wir sind die angepassten Ehefrauen, die wegen der Sicherheit und aus Gewohnheit bei euch bleiben. Wir sind die smarten Karrierefrauen, die mit natürlich vernetztem Denken genau da eine große Sache durchziehen, wo ihr euch in den Netzen eurer Männerseilschaften verheddert. Wir sind die dramatisch anwachsende Truppe von Nachkriegsfrauen, die sich nach 30 Jahren Ehe scheiden lassen – und ihr wisst nicht mal, warum.

Wir alle zusammen? Wir müssen es nicht mal laut sagen – egal, wo ihr euch nach uns umschaut oder vor uns weglauft. Wir signalisieren: Männer sind Kassettenrekorder in Zeiten von iTunes.

Aber wir sind verzweifelt. Verzweifelt vor Sehnsucht nach euch. Und nach unserer Weiblichkeit. Wir können euch analysieren, durchschauen und verachten. Es nützt uns alles nichts – verlieren wir euch, verlieren wir auch unsere Weiblichkeit.

Jeden Tag geht die Tür meiner Praxis auf, und wieder kommt eine versteinerte Frau herein. Eine, die die Kontrolle hat über ihren Job, ihr Herz und ihren Körper. Eine, die für diesen Machtzuwachs einen hohen Preis gezahlt hat. Jetzt ist sie schmerzfrei, aber taub. Sie fühlt nichts mehr. Nichts berührt sie mehr in der Tiefe. Nicht im Leben, nicht in ihrer Beziehung und nicht im Bett. Eine von vielen, die heimlich weint nach dem Sex. Eine, die euch äußerlich so bedrohlich erscheint mit ihren verbalen Dauersalven. Eine, die sich mit jeder Faser nach Nähe sehnt, der aber nichts mehr zu bleiben scheint, als sich noch ein Paar neue Schuhe zu kaufen. Eine, die resigniert ein letztes Mal zuckt und glaubt, die eingereichte Scheidung sei ihre Lösung. Um sich danach – endlich befreit vom Mann – heimlich doch wieder nur nach einem zu sehnen: einem neuen Mann.

Liebe Männer, wir haben euch eingeholt. Jetzt haben auch wir die Macht. Und nun müssen wir uns eingestehen, was ihr schon länger ahnt: Sie nützt uns nichts. Wir brauchen nicht die Macht, wir brauchen die Männer. Wir brauchen Männer, denen wir uns wieder hingeben können. Männer, die endlich bereit sind, sich selbst zu spüren. Männer, die bereit sind, nicht länger vor der Zicke in uns wegzulaufen, sondern sich ihr endlich mit liebevoller Präsenz in den Weg zu stellen. Männer, die bereit sind zu lernen, dass eine Ejakulation kein Orgasmus ist.

Damit wir uns nicht falsch verstehen – keine großen Jungen, die bei uns als mitfühlende Frauenversteher unterschlüpfen. Auch keine scheuen Schweiger, die jeder emotionalen Begegnung ausweichen. Sondern Männer, die erwachsen werden wollen und sich endlich unserem aufgestauten Frust und ihrer Verletzlichkeit, ihrer Ratlosigkeit, aber auch ihrer inneren, erst mal wenig kontrollierbaren natürlichen Kraft stellen. Wenn Sie sich jetzt fragen: Wovon redet die da bloß? Was will die von uns? Dann gehen Sie jetzt nicht wieder auf die vertraute Tauchstation. Wagen Sie ein echtes Liebesabenteuer, und gestehen Sie sich und uns einfach ein, dass Sie gerade keine Ahnung haben. Kommen Sie mit offener Flanke bei uns vorbei, und zeigen Sie sich nackt und neugierig. Das finden wir erotisch und mutig. Wir Frauen sind zwar verhärtet und verbarrikadiert. Aber wir können einen Mann, der uns mit seinem Herz und seiner Verletzlichkeit aus unserem sicheren, aber toten Gefängnis befreien will, noch immer drei Kilometer gegen den Wind riechen. So lange verzehren wir uns schließlich danach, uns solch einem Mann endlich hinzugeben und gemeinsam mit ihm vor der Weiblichkeit zu kapitulieren.

„Wir können euch analysieren, durchschauen, verachten. Es nützt uns alles nichts – verlieren wir euch, verlieren wir auch unsere Weiblichkeit“

  1. Ole

    „Wir sind zwar verhärtet und verbarrikadiert, doch kommt mal nackt und mit offener Flanke … ?“ Was für ein Anspruch? Wozu, um mich wieder und wieder verletzen zu lassen, wieder und wieder gegen Betonsäulen zu laufen, zu bitten, zu betteln. Ich kann keine Barrikade lieben! Ich kann keine harte FRAU lieben. Liebe FRAUen, den Job müßt ihr allein machen! So klappt das nicht. Ich zeige mich gern offen und nackt, wenn sich auch FRAU offen und nackt zeigt! Männer sind genauso verletzt und verletzlich wie Frauen …

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